Die Blinden und der Elefant

Es waren einmal fünf weise Gelehrte. Sie alle waren blind. Diese Gelehrten wurden von ihrem König auf eine Reise geschickt und sollten herausfinden, was ein Elefant ist.

So standen sie nun um das Tier herum und versuchten, sich durch Ertasten ein Bild von dem Elefanten zu machen.

Als sie zurück zu ihrem König kamen, berichteten sie ihm.

Der erste Weise hatte am Kopf des Tieres gestanden und den Rüssel des Elefanten betastet. Er sprach: „Ein Elefant ist wie eine Schlange.“

Der zweite Gelehrte hatte das Ohr des Elefanten ertastet und sprach: „Nein, ein Elefant ist vielmehr wie ein großer Fächer.“

Der dritte Gelehrte berichtete: „Aber nein, ein Elefant ist wie eine dicke Säule.“ Er hatte ein Bein des Elefanten berührt.

Der vierte Weise erwiderte: „Ich finde, ein Elefant ist wie eine kleine Strippe mit ein paar Haaren am Ende.“ Er hatte den Schwanz des Elefanten ertastet.

Und der fünfte Weise verkündete seinem König: „Also ich sage, ein Elefant ist wie eine frisch verputzte Mauer.“ Dieser Gelehrte hatte den Rumpf des Tieres berührt.

Als dann begann eine angeregte Diskussion darüber, wer denn nun Recht habe und was ein Elefant in Wirklichkeit sei. Natürlich konnten sie sich nicht einigen, und es entfesselte sich ein heftiger Disput unter ihnen.

Nikos Kazantzakis

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